Das Thema Ressourceneffizienz hat zur Zeit auf der politischen Bühne Konjunktur. Am 29. Februar 2012 verabschiedete der Bundestag gegen die Stimmen der Opposition das von der Bundesregierung vorgeschlagene Ressourceneffizienzprogramm (kurz „ProgRess“).  Das Programm fokussiert auf nicht-fossile abiotische Rohstoffe (Erze, Bau- und Industriemineralien) sowie auf die stoffliche Nutzung biotischer Rohstoffe. Es strebt eine „weitgehende Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourceneinsatz sowie die Senkung der damit verbundenen Umweltbelastungen, die Stärkung der Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und dadurch die Förderung von stabiler Beschäftigung und sozialem Zusammenhalt an“ (S. 24 der Beschlussvorlage). „Globale Verantwortung“ und reduzierte „Inanspruchnahme von Ressourcen“ sind weitere Elemente der allgemeinen Zielsetzung.

Der mit der Historie dieses Entwurfs nicht Vertraute mag fragen, ob Ressourceneffizienz nicht ein primär betriebswirtschaftliches Thema, zumindest in einer marktwirtschaftlichen Ordnung: Ist es nicht Kernaufgabe der Unternehmen, ihren Ressourceneinsatz zu optimieren? Regeln nicht Märkte die Ressourcennutzung? Werden Ressourcen knapp, steigt der Preis und Unternehmen setzen weniger teure Substitute ein. Welche Legitimation hat der Staat hier einzugreifen?

Der Gesetzentwurf beantwortet diese Legitimationsfrage nicht direkt. Standardargumente der Umweltpolitik wie  „Marktineffizienzen“ infolge Nicht-Einpreisens öffentlicher Güter und Umweltschäden oder primär kurzfristig ausgerichteten unternehmerischen Handelns sucht man vergeblich.

Statt dessen werden fünf  übergeordnete Handlungsansätze benannt:

  1. Nachhaltige Rohstoffversorgung sichern
  2. Ressourceneffizienz in der Produktion steigern
  3. Konsum ressourceneffizienter gestalten
  4. Ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft ausbauen
  5. Übergreifende Instrumente nutzen (z.B. Ressourcenverbrauch fördernde Subventionen, Verbesserung der Wissensbasis, Beratung etc.)

Die unmittelbar wirtschaftlich relevanten Themen werden als erste genannt. Diese Reihenfolge ist wohl kaum zufällig gewählt. Drohende Ressourcenengpässe (z.B. bei Seltenen Erden) sind in der Tat für Teile der Industrie eine reale Bedrohung. Aus industrieller Sicht ist hier staatliche Unterstützung durchaus willkommen, solange die Teilnahme der Unternehmen auf Freiwilligkeit beruht. Das gilt auch für Ressourcen-Effizienz-bezogene Förderprogramme im Bereich der betriebswirtschaftlichen Beratung und Prozessoptimierung.

Es ist natürlich nicht allzu schwer, diese Art von Politikgestaltung als „zahnlosen Tiger“ und „Politiksimulation“ zu desavouieren, wie in der Gesetzesdebatte im Bundestag geschehen. Die Kritiker fordern konkretere Maßnahmen und ein stärker steuerndes Eingreifen jenseits des Freiwilligkeitsprinzips.  Die Instrumente sind ja prinzipiell bekannt und häufig auch erfolgreich erprobt (Stichwort Ökosteuern, Technologie- und Nutzungsbezogene Subventionen, Normierung etc.). Die Befürworter stärkerer regulatorisches Eingriffe müssen sich allerdings die kritische Frage gefallen lassen, ob die aktuelle Wissensbasis über die komplexen Zielkonflikte und Wechselwirkungen im Bereich der Ressourcennutzung für detaillierte Steuerungsmaßnahmen überhaupt ausreichen.

Kritik an ProgRess lässt sich auch aus dem Lager der Industrie vernehmen. Man mag dem BDI dabei interessenpolitische Voreingenommenheit und ökologische Lippenbekenntnisse vorwerfen. Zum Teil leistet er dieser Lesart selbst Vorschub mit grotesken Verallgemeinerungen wie z.B. der Behauptung, dass Ressourcenabbaustätten häufig Hot Spots der Biodiversität seien („der Uhu z.B. nistet vorzugsweise in Steinbrüchen“). Gleichwohl muss man dem  BDI zugestehen, in seiner Replik auf den ProgRess-Entwurf im Mai 2011 auf einen wesentlichen Problemzusammenhang hingewiesen zu haben:

Grundsätzliche Zielkonflikte in der Umwelt- Ressourcen- und Klimapolitik werden in ProgRess ausgeblendet. So machen zum Beispiel die ehrgeizigen Ziele der Bundesregierung im Klimaschutz den vermehrten Einsatz von Baumaterialien bei der dafür unverzichtbaren energetischen Sanierung von Gebäuden notwendig. Auch am Beispiel E-Mobilität wird der Zielkonflikt zwischen energetischer und stofflicher Ressourcenschonung sehr deutlich: Die klimapolitische Priorität der Reduzierung der Nutzung fossiler Energien wird erreicht durch eine veränderte Nutzung stofflicher Ressourcen (je nach spezifischer Ressource stärkere oder schwächere Nutzung). Daraus folgt, dass eine isolierte Betrachtung den Zusammenhängen nicht gerecht wird und die Beschränkung des Ressourcenbegriffs auf abiotische und nichtenergetische Rohstoffe die Definition und Erarbeitung von übergeordneten widerspruchsfreien Zielen und Lösungen erschwert. (Punkt 4, S. 2).

Für den Konflikt zwischen Klima- und Ressourcenzielen führt der BDI als Beispiel an, Zellstoff würde als Biomasse zunehmend direkt der thermischen Nutzung zugeführt, obwohl doch eine vorherige stoffliche Nutzung sinnvoller wäre (Punkt 25, Kommentar zu Handlungsansatz 11, S. 9)

Nun ist es natürlich nicht so, dass BMU, UBU und Wuppertal Institut als wesentliche Treiber des Ressourceneffizienzansatzes diese Zielkonflikte nicht kennten oder ignoriert hätten. Zum  Zusammenhang zwischen stofflicher und energetischer Ressourcennutzung – z.B. sequenziell in Form der Kaskadennutzung – hat das Wuppertal Institut selbst Forschungen angestoßen und veröffentlicht.

Allerdings beruht die Herausforderung in der Tat darin, unterschiedliche Bewertungsperspektiven in einer ganzheitlichen Sicht zusammenzufügen, insbesondere die Rohstoffverfügbarkeit mit der ökologischen Schadensverursachung, wobei bei letztere möglichst viele Schadensaspekten (Treibhausgase, Ozon, Toxische Wirkungen etc.) zu berücksichtigen sind.

Die Berechnung der Ressourceneffizienz im engeren Sinne beruht auf der übergreifenden MIPS-Methode (Material-Input pro Serviceeinheit).  Die Ressourceneffizienz eines Gebäudes z.B. wird danach nicht nur am Energieverbrauch während der Nutzung errechnet, sondern schließt den Bau, einschließlich dem Abbau der hierfür erforderlichen Rohstoffe, sowie den Rückbau am Lebenszyklusende mit ein. Der Fokus dieser Methode liegt somit auf der Minimierung der eingesetzten Stoffmenge. Es soll möglichst wenig Natur verbraucht werden.

Betrachtet man zusätzlich auch die Emissionswirkungen bei der Stoffgewinnung, verarbeitung und –entsorgung so komplettiert sich das Bild. Wichtig ist dabei, dass die Mengenbetrachtung nicht per se die ökologische Wirkung impliziert. So kann es z.B. vorkommen, dass ein Verfahren mehr Material verbraucht, aber dafür weniger schädlich für Klima und Umwelt ist.

Eine derartige umfassende Perspektive ist zur Zeit aber noch die Ausnahme. Weit verbreitet sind dagegen Stoffvergleiche auf Basis des CO2 Ausstoßes („Carbon Footprint“) entlang des Lebenszylus der Anwendung. In Fahrzeugen genutztes Aluminium beispielsweise generiert während der Herstellung einen um Faktor vier bis fünf höheren CO2 Ausstoß als für die gleiche Masse Stahl. Da aber Aluminium deutlich leichter ist, kann bei mehr als 150.000 gefahrenen KM der anfängliche CO2 Nachteil kompensiert und in einen Minderverbrauch verwandelt werden (das Beispiel ist aus dem Vortrag von Dr. Marko Gernuks, Ressourceneffizienz – was wollen wir damit eigentlich erreichen? 3. November 2010).

Für viele Produkte greift allerdings eine nur Emissions-bezogene LCA (Life Cycle Analysis)-Betrachtung zu kurz. Dies lässt sich z.B. an der aktuellen Diskussion über die ökologische Verträglichkeit des iPads illustrieren: Die hierzu veröffentlichten Vergleiche fokussieren auf den „Carbon Footprint“, ohne dabei die aus dem Abbau des Ressourcenbestandes folgenden ökologischen und ökonomischen Probleme zu thematisieren.

Es geht eben nicht nur darum, wie CO2-verträglich die Herstellung von Papier ist, sondern wie sich die Papiererzeugung auf das Abholzen von Wäldern auswirkt und ob diese „Entnahme“ aus der Natur über Aufforstung schnell genug kompensiert werden kann, insbesondere in einem Kontext, wo sich zur Verwertung von Biomasse die Waldrodung beschleunigt.

Das gleiche gilt natürlich für die im iPAD genutzten seltenen Erden und Metalle, die ebenfalls zur Engpassbildung bei diesen Rohstoffgruppen beitragen.  Mit anderen Worten: Die zukünftige Rohstoffverfügbarkeit und die ökologisch- und ökonomischen Folgen der Nicht-Verfügbarkeit sind grob abzuschätzen und damit in die Vergleiche miteinzubeziehen.

Derartig ganzheitliche, diverse Wechselwirkungen betrachtende Wirkungsanalysen sind allerdings aus drei Gründen komplex:

  • Erstens benötigt man empirische Daten über den gesamten Lebenszyklus, idealerweise aus einer spezifischen Produktperspektive, da diese ja wirtschaftliche Entscheidungen in der Regel bestimmt
  • Zweitens bedarf es einer vergleichenden Perspektive, d.h. auch die Alternativen des jeweiligen Stoffeinsatzes in einem Produkt sind bezüglich ihrer Ressourceneffizienz und ökologischen Wirkungen zu untersuchen.
  • Drittens sind vielfältige wirtschaftliche und ökologische Rückkoppelungseffekte zu berücksichtigen

Für die Berechnung komplexer ökologischer Rückkoppelungs- bzw. Wirkungsketten bedarf es leistungsfähiger Software-Werkzeuge. Das hat z.B. auch das VW Forschungsteam erkannt, das im Rahmen seiner  im Herbst 2011 erschienenen, vom BMU geförderten Potenzialanalyse für Lithium und Kobalt ein System Dynamics-Tool eingesetzt hat. Die Autoren der Studie führen drei wesentliche Vorteile der Systems Dynamics-Methodik gegenüber herkömmlichen Stoffstrommodellierungen an:

  • Zukünftige Systemzustände, insbesondere „Verzögerungseffekte“ können gut simuliert werden
  • Die Einflussgrößen des System werden nicht unabhängig voneinander betrachtet, sondern in ihrer kausalen Wechselwirkung, so dass auch „verstärkende Rückkoppelungseffekte in die Analyse miteinbezogen werden“ (ebd, S. 6)
  • Die Auswirkungen von Einzelentscheidungen werden über mehrere Stufen hinweg sichtbar

Natürlich lässt sich auch mit einer solchen Methodik die Zukunft nicht sicher vorhersagen. Allerdings wird der Einfluss spezifischer Annahmen auf die Auswirkungen und Verfügbarkeiten von Primär und Sekundärrohstoffen (Recycling) deutlicher, so dass das systemische Gesamtverständnis wächst. Und das wiederum ist eine wichtige Voraussetzung, um die Qualität von Entscheidungen zu verbessern, die unter Unsicherheit in der Gegenwart getroffen werden (wobei Nicht-Eingreifen übrigens auch eine implizite Entscheidung ist, für die sich die politisch Verantwortlichen gegenüber nachfolgenden Generationen zu rechtfertigen haben).

Auch die Auswirkungen staatlicher Regulationen lassen sich in Form von alternativen Szenarien simulieren. Damit schafft man das Risiko nicht-intendierter Konsequenzen staatlicher Eingriffe nicht ab, kann es aber idealerweise besser abschätzen.

Dass das Thema „Nicht-intendierte Konsequenzen“ wichtiger wird, zeigen auch jüngere Veröffentlichungen zum „Rebound-Effekt“. Darunter versteht man, dass Effizienzgewinne häufig dazu führen, Produkte erschwinglicher bzw. attraktiver zu machen, was wiederum nachfragesteigernd und im Ergebnis zu einem Ressourcenmehrverbrauch führt. Ein klassisches Beispiel hierfür liefert die Automobilindustrie: Der steigende Wirkungsgrad der Motoren führt zu einem Anstieg der Leistung und im Zusammenspiel mit weiteren Innovationen und Rahmenbedingungen zu Preissenkungen. Im Ergebnis führt dies zu einer wachsenden Gesamtnachfrage  und nicht zu sparsameren Verbrauch. Noch komplexer wird es bei übergreifenden Effekten, d.h. Einsparungen aufgrund von Effizienzverbesserungen bei einem Produkt können zu Mehrausgaben und damit zu erhöhten Ressourcenverbrauch bei anderen Produkten führen. Im Ergebnis ist daher davon auszugehen, dass sich Ressourceneffizienz systemisch nur mit einem signifikanten Abschlag positiv auswirken. Damit soll nicht den Kritikern das Wort geredet, sondern verdeutlicht werden, dass auch solche zunächst kontraintuitiven Rückkoppelungen bei Wirkungsschätzungen grob zu berücksichtigen sind.

Fazit:

Angesichts der dargestellten methodisch-analytischen Herausforderungen ist es erfreulich, dass ProgRess in seinem Punkt 5 ausdrücklich die „Erweiterung der Wissensbasis“ einfordert. Die Frage, wie sich dieses Wissen sinnvoll generieren lässt, liegt auf dem kritischen Pfad einer erfolgreichen Implementierung des beschlossenen Ressourceneffizienzprogramms.

Sicher, über die Zielpriorisierung werden sich ökonomische und ökologische Interessenvertreter auch bei einer stark verbesserten Wissensbasis nicht ohne weiteres einigen können. Das heißt aber nicht, dass Zielkonflikte unter den Teppich gekehrt werden sollten, um sich dann auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner zu einigen. Dieser Nenner könnte in der Tat zu klein sein, um Weichenstellungen bei der Ressourceneffizienz herbeizuführen. Vielmehr sollten die ökologisch-ökonomischen sowie Ökologie-internen Zielkonflikte explizit gemacht werden. Nur so lassen sie sich analysieren und die Ergebnisse anschließend produktiv diskutieren.

Das gilt ebenso für Regulierungsvorschläge. Werden deren Auswirkungen systematisch abgeschätzt bzw. über problemadäquate Szenarien-Simulation besser verstanden, so besteht begründete Hoffnung, dass sich die Debatte zwischen privatwirtschaftlichen und ökologischen Interessenvertretern zunehmend versachlicht und an inhaltlicher Tiefe gewinnt.

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